26.10.19 – 12.02.20

Tashi Brauen

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Tashi Brauen’s objects and pictures aren’t meant for all eternity. Back in the studio from an exhibition, cardboard might get a second coat of paint. Then the previous shade might announce itself on the surface in soft shadows, or mix itself with the temperature of the new layer of acrylic. Tashi Brauen delights in materials and enjoys a nearly intimate relationship with paper. He tests its narrative potential by treating it with paint or damaging it just slightly. A crease, split or tear draws light, irregular veins into the red or blue ground. Cardboard jumps off the wall three times, forms half drums and, with cracked edges, evokes a notion of columns, lanterns, lampshades. And that’s where it happens: painting flirting with design and delivering a commentary on the environment and architecture. A piece of paper glued to the surface becomes a threshold, its micro-edge casts a dark, narrow shadow onto a monochrome surface. Doesn’t a landscape have its beginnings in such a minimal gradation?

Tashi Brauen started in photography. He photographed three-dimensional paper objects, which were often determined by right angles, and arranged them in front of a homogeneous ground in such a way that they seemed to float, even fly. His photographic eye absorbed every corporal-resistant presence in order to merge it into geometric compositions. Even his Xerox prints of exhibition views are so saturated with royal blue that light and dark lose their perspective readability and open up to abstraction as pure surface values: the space retains an inkling of night. Reluctant to venture into documentation, he also grew weary of having to deal with their highly sensitive surfaces. In many cases, minimalism or concrete art is called to mind in his experimental arrangements. But unlike the generation whose images explored the laws of space, light and balance, here a somewhat unconstrained experimentalist is at work. Some features are already present in the available Finn cardboard as delivered. The rollers leave traces, and paint comes out of the tube as it is. The absolute is far removed from his probing gaze, his object is in close contact with chance, interaction with other artists suits Tashi Brauen’s work. The fact that a blue surface, framed by thin rivulets formed by the tracks left by tears, comes to lie on the floor is no longer a test of courage (nor is it an ingratiation with the blue Joan Miró underlays his linear specters). Tashi Brauen plays more with the possibilities of staging than with the rejection of historical painting: art has become mobile, it recognizes emptiness without evoking something sinister. It is allowed to be staffage and scenery. It narrates its own origins and also contradicts the expectations of durability and the impression of high value. Painting isn’t dead. The image is, at most, just taking a little time away from the burden of its traditions as it refocuses on its elements.

Questions for Tashi Brauen (Isabel Zürcher) 


Are there things you learn through your work? 
The studio is my retreat. “Going to the studio” is a ritual for me. The contrast between the feelings of absolute freedom and a clearly structured work process is precious to me. Moving about in this area of conflicting states, being fully awake and allowing random moments to occupy the space influences my life both inside and outside the studio.

Do you know moments of joy at work? And if so, wherein lies this feeling?
Working in color makes me happy. At the moment it’s the color yellow, which allows other forms and colors to seem more intense.
I also feel glad when the work continues to evolve.

What or who does your art need most?
Space and, of course, time.

Does your work have anything to do with politics? With poetry? With both?
Not with politics. Poetry is difficult to define in one‘s own work. But perhaps there are moments when poetry could play a role.

What are the criteria of success for you?
To pursue my work one step at a time, but also to spend the entire day at the studio. To create a public sphere.

What can art criticism do (in the best case)?
It can illuminate the work or the artist from a new angle. I like art critiques that are based in what is actually seen and observed. When it’s a kind of attempt to understand the work through the content and its formal scaffolding.

When art (by other artists) awakens you, disturbs you, shakes you up, inspires you: What’s the trigger?
Just a few days ago I was at an exhibition of Markus Weggenmann, which really excited me. The gallery was covered with an orange carpet. It was a direct, visual experience in relation to his paintings. I had to adapt my eyes, my movements in the space. Such visual impressions greatly inspire me.


Tashi Brauens Objekte und Bilder sind nicht für die Ewigkeit bestimmt. Von einer Ausstellung zurück im Atelier, kann ein Karton einen zweiten Anstrich bekommen. Dann meldet sich der vorausgegangene Ton in leisen Schatten an der Oberfläche oder mischt sich in die Temperatur des neuen Acryl-Auftrags. Tashi Brauen hat Lust am Material und ein fast intimes Verhältnis zu Papier. Dessen erzählerisches Potenzial testet er, indem er es mit Farbe behandelt oder ihm kleine Verletzungen zufügt. Ein Knick, Bruch oder Riss zeichnet helle, irreguläre Adern in den roten oder blauen Grund. Dreifach springt Karton von der Wand, bildet Halbtrommeln und weckt mit aufgeplatzten Bruchkanten die Assoziation an Säulen, Lampions, Lampenschirme. Und schon kokettiert Malerei mit Design und vermeldet einen Kommentar zur Umgebung und Architektur. Ein auf die Fläche geklebtes Blatt wird zur Schwelle, ihre Mikro-Kante wirft seinen Schatten als schmale Verdunkelung in die monochrome Fläche. Fängt nicht Landschaft an in solch minimer Staffelung?

Ursprünglich kommt Tashi Brauen aus der Fotografie. Dreidimensionale, oft vom rechten Winkel bestimmte Papierobjekte lichtete er so ab, dass sie, arrangiert vor homogenem Grund, zu schweben, ja zu fliegen schienen. Ganz flach, absorbierte sein fotografisches Auge jede körperlich-widerständige Präsenz, um sie in geometrischen Kompositionen aufgehen zu lassen. Auch seine Xerox-Prints von Ausstellungsansichten sind so mit Königsblau getränkt, dass Hell und Dunkel ihre perspektivische Lesbarkeit einbüssen, um als reine Flächenwerte zur Abstraktion aufzuschliessen: Der Raum bleibt eine nächtliche Ahnung. Nebst seiner Scheu gegenüber dem Dokumentarischen sei es ihm irgendeinmal leid geworden, auf deren hoch sensible Oberflächen aufzupassen.

Vielfach verfängt sich die Erinnerung an Minimal oder an konkrete Kunst in seinen Versuchsanordnungen. Doch anders als jene Generation, deren Bilder die Gesetze von Raum, Licht und Balance erkundeten, ist hier ein lockerer Experimentator am Werk. Manche Proportionen sind der lieferbaren Finnpappe schon eingeschrieben. Der Roller hinterlässt Spuren, und Farbe kommt aus der Tube, wie sie ist. Das Absolute ist seinem tastenden Blick fern, sein Gegenstand ist mit dem Zufall in Tuchfühlung, der Paarlauf mit anderen Künstlern kommt Tashi Brauen entgegen. Dass eine blaue, von dünnen Rinnsalen der Reissspur durchzogene Fläche gerahmt auf den Boden zu liegen kommt, ist keine Mutprobe mehr (und auch keine Anbiederung an jenes Blau, das Joan Miró seinen linearen Geistern unterlegte). Mehr als mit dem Verwerfen historischer Malerei spielt Tashi Brauen mit den Möglichkeiten ihrer Inszenierung: Kunst ist mobil geworden, sie anerkennt die Leere, ohne etwas Unheimliches wachzurufen. Sie darf Staffage und Kulisse sein. Sie trägt ihre eigene Entstehung vor und unterläuft dabei auch den Erwartungsdruck an Haltbarkeit und den Anschein von hohem Wert. Malerei ist nie gestorben. Das Bild ruht sich höchstens aus von der Last seiner Traditionen und besinnt sich neu auf seine Elemente.

Fragen an Tashi Brauen (Isabel Zürcher)


Gibt es Dinge, die du nur oder vor allem aus deiner Arbeit lernst?
Das Atelier ist für mich ein Rückzugsort. Das „ins Ateliergehen“ ist ein Ritual. Ich schätze an meiner Arbeit dieses Wechselgefühl von totaler Freiheit und klar strukturierten Arbeitsprozessen. Mich in diesem Spannungsfeld zu bewegen, wach zu sein und zufälligen Momenten Raum zu geben, dies beeinflusst auch mein Leben neben dem Atelier.

Kennst du Glücksmomente beim Arbeiten? Und wenn ja: worin besteht das Glück?
Arbeiten mit Farbe gibt mir eine Art Glücksgefühl. Zurzeit ist es die Farbe Gelb, welche andere Formen und Farben intensiver erscheinen lässt. Auch bin ich glücklich, wenn sich die Arbeit weiterentwickelt.

Was oder wen braucht deine Kunst am meisten?
Raum und natürlich Zeit.

Hat dein Schaffen mit Politik zu tun? Mit Poesie? Mit beidem?
Nicht mit Politik. Poesie ist bei der eigenen Arbeit schwierig zu fassen. Vielleicht gibt es aber Momente, bei denen Poesie mitspielen könnte.

Was sind für dich Kriterien des Erfolgs?
Kleine Schritte in der Arbeit zu verfolgen, oder aber auch einen ganzen Tag im Atelier zu verbringen.
Eine Öffentlichkeit zu schaffen.

Was kann Kunstkritik (im besten Fall)?
Die Arbeit oder den Künstler von einer neuen Seite beleuchten. Mir gefallen Kunstkritiken, die vom Sehen und Wahrnehmen her geschrieben werden. Eine Art Versuch, die Arbeit zu verstehen über die inhaltliche und formale Gerüste.

Wenn dich Kunst (von anderen Künstler/innen) aufweckt, verstört, erschüttert, begeistert: Was kann ein Auslöser sein?
Gerade vor einigen Tagen verspürte ich bei einer Ausstellung von Markus Weggenmann Begeisterung. Die Galerie wurde mit einem orangen Teppich überzogen. Es war eine unmittelbare, visuelle Erfahrung in Bezug zu seinen Bildern. Ich musste das Auge, meine Bewegung im Raum anpassen. Solche visuelle Eindrücke begeistern mich sehr.

Text: Isabel Zürcher

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